Novelle von John Polidori,
Szenische Lesung mit Stefan Dehler und Christoph Huber
zum programm
Als sich 1816 eine kleine Gruppe zivilisationsmüder Engländer in der Villa Diodati am Genfer See einquartierte, ahnte keiner der Beteiligten, das sowohl das ausnehmend schlechte Wetter dieses Sommers als auch der daraus resultierende literarische Wettstreit in die Geschichte eingehen sollte. Die gewaltigen Staubemissionen eines Vulkanausbruchs auf einer Südseeinsel sorgten in ganz Europa für anhaltende Kälte und Regen. An das Haus gefesselt beschloss die Reisegruppe, sich mit dem Schreiben und Vortragen von Gruselgeschichten zu unterhalten. Mit von der Partie waren die berühmten Dichter Lord Byron und Percy Shelley, Byrons Leibarzt Dr. John Polidori und Mary, die junge Ehefrau Shelleys. Überraschend stachen die beiden Außenseiter die professionellen Autoren Byron und Shelley aus und eroberten sich einen prominenten Platz in der Literaturgeschichte: Mary Shelley legte in diesem Sommer den Grundstein für den Roman, der ihren Namen weltberühmt machen sollte: „Frankenstein“. Dr. John Polidori stieß mit seiner Novelle „Der Vampyr“, die den Typ des aristokratischen, eleganten Vampirs einführte, die Tür weit zu einem neuen literarischen Genre auf.
Der junge Aubrey gerät in den Bann des geheimnisvollen Lords Ruthven. Auf einer gemeinsamen Europareise stellt er fest, dass der Lord ein Spieler und Verführer ist. In Rom trennen sich die Wege der Reisenden. Aubrey kommt nach Griechenland. Hier hört er zum ersten Mal von der jungen Bauerntochter Janthe von Vampiren. Er verlacht den vermeintlichen Aberglauben. Als Janthe jedoch eines Nachts von einem Vampir getötet aufgefunden wird, bricht er zusammen. Lord Ruthven, der inzwischen in Athen eingetroffen ist, sucht den verstörten Aubrey auf. Er pflegt ihn, und sie beschließen, die Reise gemeinsam fortzusetzen. In den Bergen wird Ruthven durch den Pistolenschuss eines Räubers tödlich verwundet. Sterbend bittet er Aubrey darum , niemanden von seinem Tod zu erzählen. Aubrey kehrt nach England zurück. Seine Schwester hat sich inzwischen mit einem Aristokraten verlobt. Entsetzt stellt fest, dass es sich um den vermeintlich Toten handelt, der hier unter anderem Namen auftritt. Mit allen Mitteln versucht Aubrey, die Heirat zu verhindern. Vergeblich, denn die Macht des Untoten hindert ihn am Aussprechen des Geheimnisses. Aubreys Verzweiflung wird einer Geisteskrankheit zugeschrieben. Er wird unter ärztliche Aufsicht gestellt. Zu spät kann er sich befreien. Die Schwester ist bereits mit ihrem Ehemann auf Hochzeitsreise. Einige Stunden später findet man ihre Leiche.
Stefan Dehler und Christoph Huber haben sich diesen Schlüsseltext der englischen Schauerromantik vorgenommen und stellen John Polidoris Novelle in einer szenischen Lesung vor. Gemeinsam folgen sie den Helden der Geschichte durch die Salons, Ballsäle und Spielhöllen in die Idyllen und Abgründe Griechenlands, auf mondbeschienene Berggipfel und zurück ins nebelverhangene London, wo ein unglücklicher Zweikampf tragisch endet.