stille hunde

Pressestimmen

im gedächtniss des wassers

Wie ein Häufchen Elend, zusammengefallen auf einem Stuhl, sitzt Gerhart (Christoph Huber) in der Klosterkirche in Nikolausberg. „Sie sind wie ein Mann, der immer weiter ins Wasser läuft und sich wundert, dass die Hose nass wird“, beschreibt der Anwalt (Stefan Dehler) die prekäre Situation des alleinerziehenden Vaters. „Waren Sie schon mal am Meer?“, so der Anwalt weiter. „Wenn Sie einen Felsbrocken hineinwerfen, schlägt es zwar etwas größere Wellen, aber Sie haben sich dabei verhoben.“

„Blau – Im Gedächtnis des Wassers“ lautet der Titel der szenischen Lesung in der Kirche, die Huber und Dehler für den ungewöhnlichen Ort geschrieben haben. Gerhart ist der Vater von Lia, das Mädchen ist 15 Jahre alt. Der Tankstellenbesitzer arbeitet viel und ist mit der Erziehung seiner Tochter überfordert. Als Lia vergewaltigt wird, muss Gerhart sich mit dem Gefühl auseinandersetzen, als Vater versagt zu haben. Gegen den Willen seiner Tochter zeigt er den mutmaßlichen Täter an, die Beweislage ist aber kritisch für den Kläger, denn in jener Nacht hat es strak geregnet, alle Spuren sind weggewaschen. Der Beschuldigte wird freigesprochen. Nach der Verhandlung sucht Gerhart den Täter auf und erpresst ein Geständnis.

Die Vorzüge des alten Gemäuers sind nicht leicht umzusetzen, aber richtig eingesetzt, ist die Wirkung groß. Die Atmosphäre ist düster und melancholisch. Die zwischen den Stuhlreihen aufgebaute Bühne bildet eine Art Laufsteg. Die Wirkung des authentisch dargestellten Stücks wird durch die Enge verstärkt. Die Zuschauer sitzen beinahe auf Augenhöhe mit den Schauspielern – sie tragen Mikrophone. Man hört das leise Atmen durch die Kirche hallen. Eine Putzfrau wringt einen Lappen aus, es plätschert.

Das Bild von Lia, der Tochter, die man weder zu Gesicht bekommt, noch sprechen hört, ist dennoch vielschichtig. Denn die Geschichte wird aus vielen Blickwinkeln erzählt. Der Lkw-Fahrer, der Lia in jener Nacht gesehen hat, der Arzt, der sie behandelt hat, die Aussagen der Freundinnen, mit denen sie zusammen war und zuletzt die Geschichte der geschiedenen Mutter.

Das Stück ist das erste in einer Reihe von vier Produktionen. Sie wurden von verschiedenen Autoren eigens für die Aufführung in diesem Gemäuer verfasst.

Göttinger Tageblatt 29/10/09