Die beiden Männer sind um die vierzig, als sie sich zum ersten Mal treffen. Ihre Väter waren zusammen in einem Lager der Nationalsozialisten, in der sogenannten Jugendschutzanstalt Moringen. Was ihnen dort wiederfuhr, davon wussten die Söhne lange nichts. Erst als Franz im Winter 1991 mit Lungenkrebs im Krankenhaus die letzten Monate seines Lebens verbringt, erzählt er seinem Sohn von den Ereignissen vor 50 Jahren und schreibt einen Brief an seinen damaligen Freund Wilhelm Priebe. Den jedoch erreicht der Brief nicht mehr, er ist zehn Jahre zuvor ums Leben gekommen. Und so wird sein Sohn zum Empfänger.
Hier setzt das Stück „Die Besserung“ an, das die „Stillen Hunde“ in Kooperation mit der KZ Gedenkstätte Moringen auf Grundlage von Zeitzeugenberichten entwickelt haben. Christoph Huber und Stefan Dehler haben das für das Klassenzimmer konzipierte Stück im Max-Planck-Gymnasium in Göttingen zum ersten Mal gezeigt. Die Zuschauer der Premiere sitzen, wie später auch die Schüler, in deren Schule die Aufführung stattfindet, an Schultischen.
Ein Mann im grauen Anzug steht am Fenster, ein zweiter kommt herein. Der Rahmen der Geschichte spannt sich in der Begegnung der beiden Söhne auf. Schnell beginnt Huber als Sohn Franz‘ zu erzählen, was er die Jugend des als schwer erziehbar, als „abnorm, abartig und untragbar“ eingeschätzten Jungen wusste.
Mit überaus sparsamen, aber wirkungsvollen Requisiten – Jacken, Kittel, Brillen und vor allem ein Kalender, der zwischen 1941 und 1992 Blatt für Blatt umschaltet – schaffen Huber und Dehler verschiedene Figuren, Räume und Szenen. Vom schreienden Nazi-Vater über den moralisierenden Heimleiter und den sich dem Jungen anbiedernden Lagerarzt Dr. Ritter bis zum lungenkranken Vater und eben den beiden Söhnen. Zwei Figuren verkörpern die Schauspieler dabei nicht: die gemaßregelten Jugendlichen selbst. In den Dialogen um sie herum jedoch, in denen sie bisweilen fiktiv angesprochen werden, entstehen sie mit großer Deutlichkeit. In authentischen Ausschnitten aus Akten der sogenannten „Pubertätsversager“ und „Herumtreiber“ vermittelt sich etwas von der Grausamkeit, die dem Vokabular der Zeit anhaftet, vor allem aber auch von den rücksichtslosen Züchtigungen. Von herabwürdigenden Methoden, geschorenen Köpfen, Zwangsarbeit und Häftlingskleidern, von dünner Suppe und schweren Misshandlungen spricht Franz aus der Erinnerung. Und davon, wie er in diesem Lager, statt eine fragwürdige „Besserung“ zu erfahren, gelernt habe, zu stehlen, zu lügen und hart zu sein.
Immerhin, er hatte, wie auch sein Freund Wilhelm, überlebt. Im Gegensatz zu den vielen, vielen anderen, den Juden, Sinti und Roma, Kommunisten, geistig behinderten und psychisch kranken Menschen oder den Jungen, die einfach nur Swing-Platten gehört hatten.
Den „Stillen Hunden“ gelingt eine sehr gute Adaption des Themas, die wesentliche Aspekte der Zeitdokumente vermittelt. Sie versuchen nicht, Jugendliche darzustellen, sondern lassen diese Stelle bewusst leer – eine Leerstelle, die mit Fakten und Fragmenten gefüllt wird.
Göttinger Tageblatt
(…) Nach der Premiere vor Lehrern und Interessierten in Göttingen wurde das für den Klassenraum konzipierte Stück in der Kooperativen Gesamtschule Moringen erstmals vor Schülern aufgeführt. Vor den beiden Geschichtsleistungskursen des zwölften Jahrgangs spielten die stillen hunde und schafften es ohne viele Requisiten die Geschichte authentisch und Gänsehaut erzeugend zu vermitteln. (…) In Rückblenden erzählen die beiden Schauspieler die Geschichte aus dem Jahr 1942. Damals entschied Lagerarzt Dr. Ritter, in welchen KZ-Bereich die Jugendlichen kamen und damit über ihre Überlebenschance. Gespannt verfolgten die Schüler die Aufführung. „Ich fühlte mich richtig angesprochen und habe mitgefühlt“, sagte Birke Benning. „Durch die unterschiedlichen Persönlichkeiten, die die Schauspieler angenommen haben, war das Stück sehr gut“, fand Corinna Behne. „Zu wissen, was vor Ort passiert ist, passt gut zum Unterrichtsthema Nationalsozialismus und Verfolgung von Minderheiten“, sagte Geschichtslehrer Malte Bartels, der mit seinem Kollegen Florian Heße-Weiß zusah. Glücklich über das Theaterstück ist die Vorsitzende der KZ-Gedenkstätte Moringen, Annegret Berghoff. „Für uns ist es eine gute Möglichkeit, Jugendlichen das Thema Jugend-KZ zu präsentieren.“ (…)
Hessische Niedersächsische Allgemeine Kassel, April 09
(…) Stefan Dehler und Christoph Huber erzählen das Schicksal von Franz, der als Junge in dieses Lager eingewiesen wurde, Dabei gehen sie sehr intelligent an das heikle Thema heran, denn eingebettet in eine Rahmenhandlung, die 1992 spielt, wird die Vergangenheit der Jahre 1941 bis 1943 immer wieder in kurzen Rückblenden, die wie Momentaufnahmen wirken, dem Zuschauer nahe gebracht. (…) Die beiden Schauspieler wechseln immer wieder zwischen den verschiedenen Rollen als Söhne, Väter, Lagerarzt oder Aufseher, doch es gelingt ihnen, die Kohärenz des Stückes zu wahren sowie Spannung zu erzeugen und diese während des Stückes aufrecht zu erhalten. „Die Besserung“ zeigt eine lokale, von persönlichen Erfahrungen geprägte und bisher wenig bekannte Seite des Nationalsozialismus und ist aufgrund der pädagogisch ausgerichteten Inszenierung für Schulklassen besonders zu empfehlen. (…)
Tagessatz Göttingen, Mai 09