


Roman von Arthur Conan Doyle,
Szenische Lesung mit Stefan Dehler und Christoph Huber
zum programm
Die Geschichte des Verbrechens ist die Geschichte der menschlichen Natur. Und sie ist die Geschichte seines beständigen Scheiterns – das muss man zumindest annehmen, wenn man seine Überzeugung nicht auf wissenschaftliche Untersuchungen und Fakten, sondern auf die schönegeistige Literatur stützt. Angefangen bei den biblischen Erzählungen berichtet die Kriminalliteratur bis heute – Gott sei dank - vom letztlich erfolglosen Täter. Dass Adam und Eva erwischt und aus dem Paradies geworfen wurden, dass der Mord an Abel kein Rätsel blieb, ist dem Scharfsinn einer göttlichen Instanz zu verdanken. In der gottlosen Welt des Krimigenres musste diese Rolle der Detektiv übernommen. Den Idealtypus des mit fast übermenschlichen Fähigkeiten, auf jeden Fall aber gottgleichem Selbstbewusstsein ausgestatteten Helden verkörpert bis heute unangefochten die Figur des Sherlock Holmes. Intelligenter und rationaler, aber auch unzugänglicher und eigenbrötlerischer wurde vor und nach ihm kein genialischer Ermittler geschildert. Wenn Sherlock Holmes auf den Plan tritt, ist sein Tun dem staunenden Beobachter ein Rätsel, ein dunkler, quasi künstlerischer Vorgang, und die Entlarvung des Täters besitzt immer den unanständigen Charme eines nicht zu durchschauenden Zaubertricks. Dabei geht bei Holmes tatsächlich alles stets mit rechten Dingen zu. Der Erfolg des schlauen Ermittlers beruht auf wissenschaftlichen Methoden, auf genauer Beobachtung und logischer Schlussfolgerung. Mit dieser geschickten Mixtur – der Detektiv als Künstler und Wissenschaftler - hat der Autor, der schottische Arzt und Schriftsteller Arthur Conan Doyle, einen Massengeschmack getroffen. Die Figur des Sherlock Holmes hat so sehr Popularität gewonnen, dass ihre tatsächliche Beschränktheit auf die Welt der literarischen Fiktionen hier und da aus dem Bewusstsein geraten ist. Immer noch und immer wieder nehmen Menschen an, es handele sich bei dem legendären Detektiv um eine historische Person, die wirklich gelebt und ermittelt hat. Vielleicht äußerst sich gerade darin das Bedürfnis nach Rettung vor der eigenen Natur. Der gottgleiche Holmes ist ein Garant für die Unterlegenheit des Bösen. Bis heute.
Aus der Reihe der Sherlock-Holmes-Erzählungen ragt der 1902 erschienen Roman „Der Hund der Baskervilles“ durch seine Komplexität und Dramaturgie heraus. Hier gelingt Doyle meisterlich eine Verbindung von straff erzählter Kriminalhandlung mit Elementen der Schauerromantik. Das Rätsel um den todbringenden Familienfluch ist mehr denn je eine Herausforderung an Ratio und Intellekt des Detektivs. Indem Sherlock Holmes das Phänomen des schwarzen Hundes untersucht, scheint er gegen eine übernatürliche Macht anzutreten. Letztlich erweist sich der quasi archaische Kampf zwischen Licht und Dunkel aber nur als Enthüllung einer perfiden Maskerade – es ist ein schnöder Mordplan und nicht göttliche Rache, was sich da auf dem Moor rund um Baskerville Hall abspielt.
Stefan Dehler und Christoph Huber haben sich nun des Romans stellvertretend für die ganze Reihe der Doyleschen Kriminalgeschichten angenommen und verfolgen vorlesend und spielend den bösartigen Geisterhund – selbstredend gerät die Jagd nicht zu einer völlig humorfreien Angelegenheit, wenn die beiden dabei über rasende Droschken, anonyme Drohbriefe, belgische Kunstwerke und todgeweihte Moorponys stolpern.